Lauf und Wahn
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DEM WAHREN SCHOENEN GUTEN Und es gibt - besonders in Bockenheim und Sachsenhausen - jede Menge typischer Ebbelwoi-Kneipen, wo man zu Rippchen oder Handkäs mit Musigg das Nationalgetränk der Hessen genießen kann. Kenner erkennt man daran, dass sie das Stöffche pur aus dem Bembel trinken. Anfänger bevorzugen oft die süß gespritzte Variante, indem sie verstohlen eine Limonade hineinmischen.. Bekömmlicher ist auf jeden Fall der mit Wasser verdünnte "Sauergespritzte". Und wer unter Verstopfungsproblemen leidet, sollte vielleicht einmal den jungen, noch nicht ganz durch gegorenen Eppelwoi probieren, den "Hoseschisser", wie er von den Einheimischen genannt wird. Beenden wir diesen marathonischen Exkurs,
indem wir zu den Anfängen zurückkehren, dem legendären Höchst-Marathon.
Der Schriftsteller Günter Herburger war dabei und beschreibt mit den
Stilmitteln des Literaten seine Erlebnisse. Leseprobe aus dem Buch LAUF UND WAHNvon Günter Herburger: Niemand dachte daran, ob durch mentales Versenken das Ziel schneller erreicht werden könne. Alle, die zögernd, in dieser Öffentlichkeit eine Mutfrage, zu sprechen begannen, meinten, sie liefen aus Gesundheitsgründen, doch insgeheim gestanden sie durch Verhältniswörter ein, dass sie über Ängste, Pflichten sprachen. Die Männer wollten dem Arbeitsdruck durch Training entfliehen und zwar allein, dagegen verkündeten die Frauen, sie gönnten sich Auslauf, lernten Gleichgesinnte kennen, fühlten sich wertvoller. Den Meisten war die tägliche Arbeit sinnlos geworden, jedoch freiwillige Plage, Knochen-, Lungen- und Schweißarbeit wurde zur Sinnsuche erhoben. (...) Nach dem Start drängten sich Tausende durch die Gassen der Chemie-Stadt Höchst, wollten für Stunden dem Unrat entfliehen. Die Straßen wurden breiter, die Tempi verschärften sich, der Himmel war dunstig bezogen mit schwülem Niederdruck. Draußen kleine Häuser, dazwischen Betonriesen, manchmal hörten wir das Rauschen einer Autobahn, die hinter einer grün bemalten Schutzwand asparagushaft sich verzweigte. Gezählt auf der ersten Streckenhälfte: 11 Getränkemärkte, 8 Tankstellen, 9 Reinigungen, 3 Tierheime, 2 Kirchen, 2 Spielplätze, 7 cash-and carry- Läden, 1 amerikanisches Soldatenkino, oftmals Imbisstuben.
Stimmten die Scharen für Aneignung der Produktionsmittel oder für Führerschaft, froh, dass es so etwas wieder gab? An Mauern prangten, wie überall im Land, aufgesprühte Parolen. Nach einer nördlichen Schleife durch Bockenheim, Einlauf in die Innenstadt, ins Herz der Börsen, Geldverteiler. Bröckelndes Westend-Viertel, wo früher reichere Juden-Familien wohnten, darüber erhoben sich jetzt die eleganten Zwillingstürme aus Schalglas der Deutschen Bank. (...) Die Hitze nahm zu; in einer Lücke in der Wolkendecke zeigte sich die Sonne, deren Strahlen gleich polarisiertem Licht nochmals niederschossen aus der Spiegelschräge eines Wolkenkratzers. In Leserbriefen hatten sich Anwohner beklagt, dass sie tagsüber dunkle Brillen tragen müssten, und selbst nachts blitzte von ihrem verglasten Gegenüber der Mond wie ein Kugellaser durch Vorhänge, Jalousien. (...) Bei Kilometer 25 auf der Kaimauerstraße am Main Blick zur Brücke, die Max Beckmann 1922 gemalt hatte: Der Eiserne Steg. Gemalt hatte Beckmann auch einen Frankfurter Platz, in violett mit Katze und schiefer Synagoge, und immer wieder Gefesselte, Verschnürte, die ihre Köpfe abwandten, gelbe Ränder besaßen, mit dem Leib eines erfrorenen Fischs dazwischen. Versteckt auf einem Speicher in Amsterdam, malte Beckmann im Krieg an Frankfurt, dem Nabel Mitteleuropas, weiter. (...) Im Außenort Niederrad gesteigerter Applaus, als wir uns unter einem restaurierten Fürstenbalkon hindurchzwängten; Kapellen spielten im Wettstreit mit Volksmusik. Die Gehölze des Stadtwalds begannen, Pfade und Furten waren geteert, im Land des Reinigungszwangs, der stummen Seelen, durfte es keine Unübersichtlichkeit geben: Die Toten, die Toten, sie könnten sich sonst wieder erheben.( ...) Vor dem Anstieg zur letzten Brücke, ich erkannte nicht mehr, ob sie über eine Straße, einen Kanal über eine Startbahn für Militärcharter führte, ließ ich mir die Schenkel massieren. In der Vorauszeitung für diesen Tag war zu lesen, dass es 300 Tische, 300 Bänke, 300 Streckenschilder, 5oo Feuerwehrleute, doppelt so viel Polizisten, 1oo ooo Becher Getränke, 50 000 Plastikfläschchen Wander-Elektrolyse gegeben hatte, dann am Schluss umgehängt, 8000 Medaillen, etwa die Teilnehmerzahl. (...) Nach allerlei Kälterennen hatte ich endlich Wärme gehabt. Durst, Konzentration, auch Massage. (...) Zuerst Banane. Bier später, damit die Hormonflut nicht unterbrochen wurde. Auf einer Bank der nächsten S-Bahn-Station saß ein rothaariger, junger Mann. Er hatte zum ersten Mal einen Marathon bestanden, weinte langsam, weil es, kaum vorstellbar, ihm gelungen war, die Strecke zu bewältigen. Neid, denn nie mehr würde ich wie er erleben, einen Nachmittag bis in die Nacht hinein gleich Jesus und Maria zu sein, schwebend über Geleisen und Gewässern."
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